Das Hospital

Krankheiten gehörten zum täglichen Leben der Menschen im Mittelalter. Harmlose Beschwerden wurden bei den ärmeren Leuten mit Hausmitteln behandelt. Einige Kräuterfrauen sammelten Heilpflanzen, mit denen sie Krankheiten lindern halfen. Reichere Bürger suchten sich Hilfe und Rat beim Arzt oder Apotheker. Der ließ sich seine selbst gemachten Tropfen und Salben gut bezahlen. Wenn man Zahnschmerzen hatte, musste man zum Barbier gehen. Der Barbier rasierte nicht nur die Bärte zahlreicher Kunden, sondern zog auch mit einer langen Zange schadhafte Zähne. Natürlich fehlte dabei jegliche Betäubung. Manchmal kam auch ein Medicus in die Stadt, der aber nicht immer Erfolg mit seiner Behandlung hatte, sodass er sich überlegen musste, ob er ein zweites Mal die Stadt aufsuchte. 
Eine segensreiche Einrichtung waren die Hospitäler. Dort fanden alle Hilfe, wenn die eigenen Hausmittel und die Rezepturen der Kräuterfrau versagten. In Münzenberg wurde daher außerhalb der Stadtmauer das Hospital zum Heiligen Geist gegründet.

Das kleine Gotteshaus, das an der aus Münzenberg herausführenden Straße liegt, war eine Hospitalkirche, in der nicht nur Gottesdienste abgehalten, sondern auch Alte und Kranke gepflegt wurden. Sie war im Inneren zweigeteilt: Der westliche Flügel hatte zwei Geschosse und enthielt wahrscheinlich die Krankenräume, die streng nach Geschlechtern geteilt waren. Der östliche Flügel bestand aus einem hohen Chorraum mit Altar. Diese doppelte Nutzung war für die mittelalterlichen Hospitäler nicht ungewöhnlich, denn die Kranken und Sterbenden konnten so in die Nähe des Altars gebracht werden, um den Beistand und die Gnade Gottes zu erflehen.

Das Hospital spielte eine große Rolle in der städtischen Fürsorge, da Arbeitslosen-, Kranken- und Altersversicherungen gänzlich fehlten. Arme Leute konnten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation kein Geld für Ärzte und Apotheker aufbringen. 
Das Hospital aber nahm kranke und alte Menschen auf, versorgte sie mit Lebensmitteln und Arzneien und übernahm die Pflege. 
Das Spital war Armenküche, Altersheim, Waisenhaus und Krankenhaus zugleich. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Hospitalkapelle der heiligen Elisabeth, der Wohltäterin der Armen, Bettler, Kranken, Hungerleidenden und Aussätzigen, geweiht war. 
Normalerweise waren alle Insassen des Hospitals verpflichtet, Arbeiten zu verrichten. Nur Leute mit einer reichen Mitgift konnten sich als Pfründner ins Hospital einkaufen und waren in der Lage, sich von der Verpflichtung zur Handarbeit freizukaufen und noch weitere Vergünstigungen aushandeln. Auf diese Weise blieben die Unterschiede zwischen vermögenden und armen Insassen des Hospitals bestehen.
Fremde und Reisende sowie Pilger, die nicht genügend Geld für eine Unterkunft hatten, fanden hier für eine Nacht eine kostenlose Herberge. Angesehene Burgmannen und Bürger führten das Hospital im Sinne christlicher Nächstenliebe. Das geschah zum Wohl aller. Sie wollten damit ein gottgefälliges Werk tun, um nach dem Tod vor Gottes Gericht bestehen zu können. Das Hospital gelangte zu großem Ansehen und Wohlstand.

Viele reiche Bürger von Münzenberg bedachten diese Einrichtung in ihrem Testament oder schenkten ihm bereits zu ihren Lebzeiten Wiesen und Äcker. Daher besaß das Hospital großen Grundbesitz und damit ein stattliches Vermögen. Das war auch notwendig, um die Pflege der Armen, Alten und Kranken auch weiterhin durchführen zu können.
Dass das Hospital nur in der Vorstadt seinen Platz finden konnte, war im Mittelalter selbstverständlich: Schultheiß und Schöffen wollten verhindern, dass ansteckende Krankheiten auf den Stadtkern übergreifen. Durch eine kleine Öffnung, die auf die Hauptdurchgangsstraße, den Steinweg, zeigt, konnten Almosen an die Kranken und Armen verteilt werden, ohne dass jemand von den Vorbeigehenden mit den Insassen in Berührung kam. Ganz schreckliche Krankheiten waren neben der Pest Lepra, Typhus, Cholera und Diphtherie.

Dagegen gab es keine Heilmittel, kein Entrinnen. Tausende wurden vom Gevatter Tod geholt. Damals herrschte vielfach die Vorstellung, die Krankheiten würden durch Veränderungen der Luft, giftige Dünste oder Wolken von kleinen Insekten übertragen. Erst viele Jahrhunderte später sollte beispielsweise der Erreger der Pest erkannt werden, der durch Flöhe, die von Ratten transportiert wurden, auf Menschen übertragen wurde.
Die Hospitalkirche dient heute der katholischen Kirchengemeinde als Gotteshaus. Sie ist dem heiligen Nikolaus geweiht.